
Die Kipptischuntersuchung (auch Tilt-Table-Test genannt) ist ein etabliertes diagnostisches Verfahren zur Beurteilung der autonomen Regulation des Herz-Kreislauf-Systems. Sie wird insbesondere bei Postinfektionssyndromen (z. B. Post-COVID-Syndrom), neurologischen Erkrankungen sowie bei autonomen Gefässregulationsstörungen eingesetzt. Dazu zählen unter anderem das posturale orthostatische Tachykardiesyndrom (POTS), die orthostatische Intoleranz und die orthostatische Hypotonie.
Funktionsweise des Kipptisches
Bei der Kipptischuntersuchung liegt die untersuchte Person zunächst in Rückenlage auf einer motorisierten, kippbaren Liege. Nach einer Ruhephase wird der Tisch langsam oder stufenweise in eine aufrechte Position (meist 60–90Grad) gebracht, während der Körper durch Gurte gesichert ist. Herzfrequenz, Blutdruck und häufig auch die Sauerstoffsättigung werden kontinuierlich überwacht, teilweise ergänzt durch weitere Messungen wie Atemfrequenz oder cerebrale Durchblutungsparameter.
Durch das Kippen wird der physiologische Übergang vom Liegen zum Stehen simuliert, ohne dass Muskelaktivität der Beine zur Unterstützung des venösen Rückflusses beiträgt. Dadurch wird das autonome Nervensystem gezielt gefordert.
Auswirkungen auf das autonome Nervensystem
Beim Wechsel in die aufrechte Position versackt ein erheblicher Anteil des Blutvolumens in den Bein- und Bauchgefässen. Gesunde Menschen reagieren darauf mit einer raschen Aktivierung des sympathischen Nervensystems und einer Dämpfung parasympathischer Einflüsse. Dies führt zu
Bei autonomen Funktionsstörungen ist diese Anpassungsreaktion gestört. Je nach Krankheitsbild zeigen sich unterschiedliche Muster:
Diese Reaktionen liefern wertvolle Hinweise auf eine Fehlregulation des autonomen Nervensystems.
Ein zentraler Aspekt der Kipptischuntersuchung ist die Beurteilung der Auswirkungen auf die Durchblutung des Gehirns. Bei unzureichender autonomer Gegenregulation kann es in aufrechter Position zu einer verminderten zerebralen Perfusion kommen. Dies entsteht durch:
Die Folge kann eine verminderte Sauerstoff- und Nährstoffversorgung des Gehirns sein, was Symptome wie Konzentrationsstörungen, Erschöpfung, Brainfog, Sehstörungen oder Präsynkopen erklärt. Bei erweiterten Untersuchungsprotokollen kann die Hirndurchblutung mittels transkranieller Dopplersonographie oder Nahinfrarotspektroskopie zusätzlich erfasst werden.
Bedeutung bei Postinfektionssyndromen und neurologischen Erkrankungen
Gerade bei Postinfektionssyndromen zeigen sich häufig subtile autonome Störungen, die in Ruheuntersuchungen nicht immer erkennbar sind. Die Kipptischuntersuchung ermöglicht es, diese Funktionsdefizite unter standardisierten Bedingungen sichtbar zu machen. Auch bei neurologischen Erkrankungen, die das autonome Nervensystem betreffen, trägt sie wesentlich zur Differenzialdiagnose und Therapieplanung bei.
Insgesamt stellt die Kipptischuntersuchung ein wichtiges Instrument ein, um die komplexen Wechselwirkungen zwischen autonomen Regulationsmechanismen, Kreislaufanpassung und zerebraler Durchblutung besser zu verstehen und gezielt zu behandeln.