
1. Pathophysiologischer Hintergrund
Chronische Erkrankungen wie kardiometabolische Syndrome, Autoimmunerkrankungen, chronische Entzündungszustände, Post-Infektionssyndrome oder neurodegenerative sowie neurovaskuläre Erkrankungen sind häufig mit persistierenden Störungen der Mikrozirkulation assoziiert. Ein zentrales pathophysiologisches Element stellt dabei die Mikroklotbildung in Kombination mit einer endothelialen Dysfunktion dar. Diese Veränderungen führen zu einer gestörten Gewebeperfusion, Sauerstoffunterversorgung und sekundären Organfunktionsstörung.
1.1 Endotheliale Dysfunktion
Das vaskuläre Endothel ist ein hochaktives Organ mit regulatorischer Funktion für:
Bei chronischen Erkrankungen kommt es durch oxidativen Stress, chronische Inflammation, Hyperglykämie, Zytokine und endotheliale Aktivierung zu einer Dysfunktion mit folgenden Konsequenzen:
Diese Veränderungen begünstigen die Aktivierung von Thrombozyten und die Bildung von fibrinreichen Mikrothromben, insbesondere in Kapillaren und postkapillären Venolen.
1.2 Schädigung der endothelialen Glycokalyx
Die Glycokalyx ist eine glykoproteinreiche Schutzschicht auf der luminalen Endotheloberfläche. Sie reguliert:
Chronische Entzündung, Ischämie, Hyperglykämie und oxidativer Stress führen zur Degradation der Glycokalyx, was:
die Adhärenz von Leukozyten und Thrombozyten erhöht, die endotheliale NO-Produktion reduziert und die Mikroklotbildung weiter fördert.
1.3 Mikrozirkulationsstörungen
Mikroklotbildung und endotheliale Dysfunktion resultieren in einer funktionellen Kapillardichtereduktion, dem sogenannten Capillary No-Reflow. Charakteristisch sind:
1.4 Gefäßdysautonomie
Die autonome Steuerung der Gefäße erfolgt über ein fein abgestimmtes Zusammenspiel von Sympathikus, Parasympathikus, Mastzellen und lokalen endothelialen Mechanismen. Chronische Erkrankungen können zu einer Gefäßdysautonomie führen, gekennzeichnet durch inadäquate Vasokonstriktion oder Vasodilatation, gestörte Baroreflexe, orthostatische Dysregulation und reduzierte Anpassung der Durchblutung an metabolische Anforderungen.
Endotheliale Dysfunktion und autonome Fehlregulation verstärken sich gegenseitig, da NO-Signalwege, adrenerge Rezeptoren und endotheliale Mediatoren funktionell gekoppelt sind.
2. Therapeutische Ansätze
Die Therapie zielt auf eine multimodale Verbesserung der Mikrozirkulation, der endothelialen Funktion und der autonomen Gefäßsteuerung ab.
2.1 Medikamentöse Verbesserung der endothelialen Funktion
Sulodexid
Pentoxifyllin
Ginkgo biloba (standardisierte Extrakte)
2.2 Aufbau und Schutz der Glycokalyx
Neben Sulodexid zeigen sich positive Effekte durch:
2.3 Verbesserung der autonomen Gefäßsteuerung
Nebivolol
Carvedilol
2.4 Modulation des NO-cGMP-Signalwegs
Vericiguat
3. Zusammenfassung
Durchblutungsstörungen bei chronischen Erkrankungen sind eng mit endothelialer Dysfunktion, Glycokalyx-Schädigung, Mikroklotbildung und Gefäßdysautonomie verknüpft. Die therapeutische Strategie sollte daher nicht nur makrovaskuläre Parameter, sondern gezielt die Mikrozirkulation und Endothelfunktion adressieren. Medikamente wie Sulodexid, Pentoxifyllin, Ginkgo biloba, Nebivolol, Carvedilol und Vericiguat greifen an unterschiedlichen, sich ergänzenden pathophysiologischen Ebenen an und stellen wichtige Bausteine eines integrativen Behandlungskonzeptes dar.